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Kirchenfenster

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Kinder kommen zur Welt, sagen wir und meinen: Plötzlich sind sie da. Aber ihr Kommen braucht Zeit: Die Schwangerschaft. Voraussetzung dafür sind Vater und Mutter mit ihren Schöpfungseigenschaften. Warum wählte Gott eine Geburt, um zur Welt zu kommen? „… da machte sich auch auf Joseph aus Galilläa … mit Maria, seinem vertrauten Weibe, die war schwanger… und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.“ – so kennen viele die Überlieferung der Geburt Jesu. Antoni Gaudí hat die Geburts- oder Weihnachtsfassade an der Sagrada Familia in Barcelona aufwändig gestaltet. Hier liegt das Portal der Barmherzigkeit. Als Kapitell des Mittelpfostens sehen wir Joseph, Maria und das Christuskind. Joseph überragt die Szene und scheint mit seiner linken Hand unseren Blicken Behutsamkeit anzuempfehlen, während sich Marias Kopfbedeckung wie in Zelt über dem Kind aufspannt. Es ist Gottes Barmherzigkeit, dass nur durch Mann und Frau Kinder zur Welt kommen können. Und es ist Gottes Barmherzigkeit, in diesem einen Kind zur Welt zu kommen – genau in die Welt, in die Adam und Eva gehen mussten. Dass der Heilige Abend auch ihr Tag ist, zeigt, wie Gott uns nachgeht. So finden wir Gottes Schöpfungswillen und seinen Erlösungswillen zu Weih-nachten auf einem Punkt. Die Familienszene, die ja unter unwirtlichen, unbehausten Bedingungen im Stall geschieht, zeigt uns zwei Gefährdungen an, Gottes Barmherzigkeiten zu verspielen: Die Schöpfungsordnung der Familie nicht zu schützen und Gottes Zuwendung zu seiner Welt zu missachten. Nicht umsonst zeigt uns Antoni Gaudí die Engelschar über der Heiligen Familie. In dieser zweifachen Barmherzigkeit ist uns der Himmel ganz nahe. Sonst eben nicht. Zudem ist der Stall mit den beiden Tieren, die uns Gaudí ebenfalls dargestellt, ein Hinweis auf den Realismus, den wir walten lassen können, wenn Gott zu uns kommt. Gott braucht keine Potjomkinschen Dörfer, sondern er weiß, was ein Stall mit Tieren ist. Den Psychologen C.G. Jung veranlasste das zu der Aussage: Wir sollten immer daran denken, dass wir nur der Stall sind und nicht der Palast, den wir so gerne präsentieren möchten. Aber gerade im Stall will Gott geboren werden. Menschen, die sich nichts vormachen, sind also für das Weihnachtswunder der Barmherzigkeiten Gottes besonders geeignet. Alle „Luftgespinste“, von denen Matthias Claudius in seinem Lied „Der Mond ist aufgegangen“ spricht, hindern unser weihnachtliches Herz. Das aber brauchen wir so dringend, denn das Verschmähen der Barmherzigkeiten Gottes hat bittere Konsequenzen. Ja, Weihnachten ist keine Idylle, sondern handfest.

Ihr Pfarrer Michael Zemmrich